Kafkas Welten

Theater am Sachsenring TAS - Ensemble

von Franz Kafka

Inszenierung: Joe Knipp
Bühne und Kostüme: Hannelore Honnen
mit David N. Koch

Das international preisgekrönte Stück 'Kafkas Welten' wurde nominiert für den Kölner Theaterpreis und David N. Koch für den Darstellerpreis PUCK 2009.

Gregor Samsa ist wütend. Weil seine Familie ihn morgens aus dem Bett zur Arbeit scheuchen will. Weil er sich einsam und ausgenutzt fühlt. Und weil niemand merkt, dass er sich nicht dem Alltag stellen kann, weil er im Begriff ist, zu einem riesigen braunen Ungeziefer zu mutieren. Im Stück sind Textteile aus der 'Verwandlung' mit solchen aus der Erzählung'In der Strafkolonie' zu einem furiosen Solo verknüpft.KAFKA, eingesperrt, ein Spieler, ein Rächer, ein Kind. KAFKA führt in ein phantastisches Labyrinth. Geheimnisvoll, witzig, ungeheuerlich.

 

Eine Zuschauerin schreibt:

"...Sämtliche Rollen kauft man Koch ab, so dass man zu keiner Zeit das Gefühl hat, ein Stück mit nur einem Schauspieler zu sehen. Gregor Samsa ist dabei am beeindruckendsten, der Prokurist am unterhaltsamsten, der Offizier am bestialischsten. Am Ende der Show... hat sich Koch komplett verausgabt und wir, das Publikum, danken es ihm mit einem tosenden Applaus. Was es mit dem Bonbonregen auf sich hat, der zum Schluss von der Decke fällt, muss jeder selbst rausfinden.Mein Fazit: eins der besten Stücke, die ich je gesehen habe. Selbst für nicht- Kafkafans (ich vorher) und Unwürdige, die die verarbeiteten Texte vorher nicht kannten (ich teilweise) ist das Stück gut zu verstehen. Uneingeschränkt empfehlenswert!"

 

Fulminante Uraufführung: Theater am Sachsenring führt in "Kafkas Welten"

Von Barbro Schuchardt, Kölnische Rundschau 06.12.08

Gregor Samsa ist wütend. Weil seine Familie ihn morgens aus dem Bett zur Arbeit scheuchen will. Weil er sich einsam und ausgenutzt fühlt. Und weil niemand merkt, dass er sich gar nicht dem Alltag stellen kann, weil er im Begriff ist, zu einem riesigen braunen Ungeziefer zu mutieren.Knipp montierte Textteile aus der "Verwandlung" mit solchen aus der Erzählung "In der Strafkolonie" (1914) und einem Auszug aus dem "Brief an den Vater" (1919) zu einem furiosen Solo für den jungen Schauspieler David Koch zusammen. Koch ist in Knipps Inszenierung das böse, grausame Kind Franz, das sich mit Horrorvisionen aus der beengten Kleinbürgerwelt mit dem despotischen Vater hinaus fantasiert und dabei alle Grenzen überschreitet - auch physisch.
Mit halsbrecherischer Präsenz turnt Koch in seinen kurzen braunen Hosen über die Balustrade zum Zuschauerraum, stößt dabei fast mit dem Kopf an die Decke, aus der er Bonbons zutage fördert, schnaubt, schnarrt, grunzt, quietscht - und redet, redet, redet. Die Augen sind schwarze Löcher im weißgeschminkten Gesicht, eine Gießkanne wird in Kochs fulminantem Monolog durch ein paar Stofffetzen zu Vater, Mutter, Schwester. Getrieben vom Hass auf die ganze Welt rast er durch seine Vision von der Verweigerung alles Menschlichen, wobei der junge Schauspieler eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit beweist.
In Hannelore Honnens klaustrophobisch sich verengender Bühne gewinnen die Machtfantasien des Jungen eine außerordentliche Plastizität. Durch die mehrfache Brechung der Hauptfigur finden Knipp und Koch einen zeitgemäßen Zugang zu Kafkas verrätselten Texten.

 

Schrecken der Kindheit

von H. Georg

Kafkas Texte bergen vielfältige Geheimnisse. Zur Kennzeichnung des rätselhaft Abgründigen in diesen Texten gefällt uns die Vorstellung von einer „kafkaesken“ Welt. In dieser Welt dominiert ein Gefühl dunkler Ungewissheit angesichts rätselhafter Bedrohungen, die von Mächten ausgehen, deren konkrete Struktur nicht fassbar scheint. Sie erscheinen als mächtige Behördenapparate, denen man hilflos ausgeliefert scheint. Die „kafkaesken“ Zustände in Kafkas Welten üben auf uns einen Reiz aus. Das peinigend Unentrinnbare, das in den Texten oft einhergeht mit düsterer Komik, versetzt uns in wohliges Entzücken, je sicherer wir sein dürfen, selbst niemals in derartige Situationen zu geraten. So gerät Kafkas Werk aber auch auf eine diffuse Höhe des Unverbindlichen. Kafkas Welten scheinen weit entfernt von unseren Alltagswelten.Joe Knipp zeigt nun im Theater am Sachsenring, wie spannend und erkenntnisreich es sein kann, „Kafkas Welten“ wieder in die Alltagswelten zurück zu führen. Ausgangspunkt für Knipps Interpretation ist die Erzählung „Die Verwandlung“. Die verunsichernde Geschichte von der „eines Morgens“ stattgefunden habenden Verwandlung Gregor Samsas in ein „ungeheures Ungeziefer“ verknüpft Knipp mit Textteilen aus der Erzählung „In der Strafkolonie“, wo ein Offizier die Funktionsweise einer grausamen Hinrichtungsmaschine dazulegen versucht, sowie einer kurzen Passage aus dem „Brief an den Vater“.Hier findet sich das Motiv für diese Inszenierung: Knipp greift die von Kafka in diesem Brief thematisierte Auseinandersetzung mit einem Furcht einflößenden Vater in einer autoritär geprägten Erziehungswelt auf. Diese Erziehungswelt hatte bereits zu Zeiten Kafkas eine bis heute populäre Darstellungsform in einem Kinderbuch erhalten: Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Eben diesem Buch scheint David Koch entstiegen, wenn er die kleine nach hinten sich verengende Bühne betritt: kurze braune Trägerwollhosen, Suppenkaspargesicht. In dem nun folgenden furiosen Solo erobert er die Bühne als Zappel-Philipp ebenso wie als Hans-Guck-in-die-Luft. Zunächst aber lässt er uns an der Verwandlung Gregor Samsas teilhaben.
Mit wenigen klug eingesetzten Requisiten erspielt er das Szenario in der Wohnung angesichts des ungeheuren Vorgangs der Verwandlung. Während der immer exakt und souverän gesprochene Text Kafkas das Szenario als ebenso kurioses wie dennoch reales Geschehen erscheinen lässt, deutet das Spiel die andere Ebene an: Gregor Samsas Verwandlung erscheint als Fantasie eines Kindes, hinter welcher ein Aufbegehren gegen die patriarchalisch-autoritäre Familienwelt erkennbar wird. Zu dieser Welt gehört auch das merkwürdig grausame Bestrafungssystem in der Strafkolonie. David Koch wechselt unvermittelt in diesen Text und wieder zurück.
Mit allerhand neurotischen Verrenkungen erläutert der Offizier dem Besucher die Funktionsweise der Hinrichtungsmaschine. Während er noch in Worten das grausam-autoritäre Regime in der Strafkolonie entstehen lässt, turnt David Koch über die Bühne bereits wieder als Zappel-Phillip und Hans-Guck-indie-Luft.Auf eine verblüffend einleuchtende Weise gehen die Hoffmann'schen Figuren ein Bündnis mit den Kafka-Texten ein. Deren Rätselhaftigkeit erweist sich als Ausdruck einer autoritären Zwangsgesellschaft. Die Hoffmann'schen Figuren scheinen durch ihr kindlichanarchisches Ausbrechen aus dem Korsett des Zwanghaften eine Befreiung zu ermöglichen. Wir wissen, dass dies nicht gelingt, die Strafe für das nicht fügsame Kind folgt unerbittlich. So bleibt nur die Flucht in die Fantasie. Eine innere Befreiung bevor der Vater kommt. Eine kleine, sehr feine Aufführung mit einem tollen David Koch!

Mi, 01. Februar19:00 Uhr Erwachsene
, Schauspiel

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Ort

Theater am Sachsenring
Sachsenring 3
50677 Köln
Details

Stab

Inszenierung: Joe Knipp
Bühne/Kostüm: Hannelore Honnen
Assistenz: Andrea Richarz
Mitarbeit und Projektleiterin für die Festivalteilnahme in Brest: Angelika Böhrer

Besetzung

David N.Koch

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